Konflikte lösen

Im Folgenden stellen wir Ihnen drei Modelle der Gesprächsrhetorik vor, die
helfen, auftauchende Konflikte im Dialog mit einem Gegenüber zu lösen.
Diese Modelle lassen sich im Alltag üben und sind eine unentbehrliche Basis
für den Erwerb von Führungsqualitäten und von Sicherheit im Umgang mit
anderen Menschen. Ihre Anwendung führt

- zum Kennenlernen
- zu menschlicher Nähe
- zur Begeisterung anderer und
- zur guten Zusammenarbeit

Das Üben dieser neuen Verhaltensweisen wirkt auf höheren Logischen Ebenen
weiter:

- man gewinnt neue Fähigkeiten in der Kommunikation
- erfährt eine Veränderung der eigenen Überzeugungen und
- Einfluß auf die eigenen Werte

Rückmeldungen nach Gesprächführungstrainings bestätigen die starke, lang-
fristige Wirkung der Übungen: Teilnehmer berichteten nicht nur über konkrete
Erfolge, sondern auch über eine positive Veränderung des Grundgefühls in
Beziehung zu anderen Menschen.

Wer diese Konfliktlösungsmuster erfolgreich anwenden möchte, muß genau
wissen: was will ich wirklich?

- Ist mir das Ausräumen von Mißverständnissen, die Herstellung von
Nähe oder das gemeinsame Handeln in einem konkreten Fall und
insgesamt so wichtig, daß ich bereit bin, mich dafür einzusetzen?

- Will ich überhaupt Rapport? - oder laufe ich dabei Gefahr, Rapport
mit mir selbst zu verlieren?

Hier wird deutlich, wie sich für einen Trainer das Lernen und Lehren zueinander
verhält, denn er muß seine Fähigkeit zum Rapport fortwährend demonstrieren
können. Die Fähigkeit Walk what you talk ist also die Grundvoraussetzung für
den, der diese Modelle anderen an die Hand geben möchte. Nur so können die
Teilnehmer das vermittelte Wissen im Blick auf sich selbst anwenden. Sie wissen
dann, wie das Modell funktioniert und welche innere Haltung dafür notwendig ist.

Diese Muster führen folglich dann zuverlässig zur Konfliktlösung, wenn der,
der sie anwendet, kongruent ist.

Die drei Grundarten aller Konflikte

Die vergebliche Ja-aber-Dauerdiskussion
Streit: Einer kritisiert irgendwie seinen Gegenüber
Jain: Jemand sagt ja - und macht nonverbal deutlich, daß er noch
Einwände hat

Ja-aber: der inhaltliche Konflikt
Wenn eine gedachte Linie zwischen Redner+Zuhörer die Beziehungsebene,
und die Linie zwischen Thema+Redner die Beziehung des Redners zu seinem
Thema ist - dann ist eine Ja-aber-Diskussion ein rein inhaltlicher Konflikt:
Ich bin dieser Meinung, der andere ist anderer Meinung. Daraus kann schnell
Streit werden. Solche Gespräche fangen meist sachlich an, doch bald gehen
beide an die Decke.

Kritik: der Beziehungskonflikt
Wenn der Kontakt zum Thema abgebrochen ist, geht es nur noch um die
Beziehungsebene - es wird etwas kritisiert, was mit dem Thema nichts zu
tun hat; das Thema ist nur noch der Aufhänger für das Aussprechen der
Kritik. Sagt einer: "Dein ungebügeltes Hemd stört mich, geht es nicht um
das Hemd, sondern um etwas auf der Verhaltensebene, vielleicht um:
"Du bist schlampig angezogen, unser Gespräch bedeutet dir wohl nichts.
Deine Launen sind dir wohl wichtiger als ich."

Jain: Mischung aus inhaltlichem und Beziehungskonflikt
Jain ist eine Mischung. Hat jemand zu einem Thema einen Einwand, den er
nur halbbewußt wahrnimmt, braucht er großes Vertrauen zu seinem Gegenüber,
um sich innerlich zu fragen, ob ein Einwand vorhanden sein könnte. Dies gilt
um so mehr, wenn der Einwand völlig unbewußt ist. Die Auflösung von Jains
gelingt nur durch eine Kommunikation auf den beiden Ebenen:

- Redner/Zuhörer
- Zuhörer/Thema

Soweit die drei Schubladen. Machen wir gemeinsam die Erste auf.

Ja aber: vom Überreden zum Überzeugen
Viele Diskussionen drehen sich um leere Thesen und Nominalisierungen
ohne spezifische Anwendung. Selbst wenn einer den anderen voll überzeugen
würde, hätte es weder für beide noch für andere irgendeine Konsequenz. Dazu
kommt, daß oft mehr überredet als überzeugt wird, was beim Überredeten zu
inneren Konflikten führt. Das Schlimme daran ist nicht nur die Ohnmacht der
Person, die den anderen zum gemeinsamen Handeln begeistern will, sondern
auch der Verlust des Rapports, der sich auch bei der sachlichsten Auseinander-
setzung dieser Art letztendlich einstellt.

Nominalisierung bedeutet in diesem Kontext: Wird ein Verb oder Adverb nominalisiert,
beispielsweise "eine Entscheidung treffen" statt "entscheiden", wird nur das Ergebnis
einer Handlung dargestellt - und nicht die Handlung selbst.

Leitlinien für die Überzeugung eines Ja- aber-Sagers

1. Formulierung des Appells

Der Appell wird so formuliert, daß deutlich wird, wie jeder und damit auch der
andere handeln soll, so daß diese Handlung eine Konsequenz für die Allgemein-
heit hat.

(Gegenüber antwortet mit: Ja, aber ...)

2. Nonverbales Spiegeln; unter Umständen nachfragen

Den anderen nonverbal pacen und für sich prüfen, ob dessen Position soweit
nachvollziehbar erscheint, daß man ihm in einem Aspekt seiner Aussage voll
recht geben kann. Falls dies nicht möglich erscheint: Fragen stellen!

3. Rechtgeben und im Sinne des Gegenübers weiterargumentieren

Dem anderen voll recht geben (Stimme senken!) - und ihm dies beweisen mit
einem weiteren Argument für seinen Standpunkt.

4. Und-gerade-deshalb-Logik (Brücke bauen)

Falls man noch nicht von der Meinung des anderen im Sinne einer Erweiterung
der eigenen Perspektive überzeugt ist, wird der andere in der Und-gerade-deshalb-
Logik zum ursprünglichen Appell zurück geführt, indem die in seiner Argumenta-
tion enthaltenen Werte als Hebel genutzt werden.

5. Alle weiteren Stolpersteine aus dem Weg räumen

Nun werden soviel Und-gerade-deshalb-Brücken gebaut, bis alle Ja-Abers der
Reihe nach bearbeitet sind und der andere bereit ist, im Sinne des Appells zu
handeln oder darüber neu nachzudenken.

Bei diesem Modell geht es ausschließlich um das Überzeugen zum freiwilligen
Handeln. Es ist nicht anwendbar bei unumgänglichen Forderungen, die als
eine "Sache der Einsicht" getarnt ist. Zudem paßt es nicht in eine hierarchische
Beziehung - denn: verleiht ein Vorgesetzter seiner Forderung Nachdruck,
provoziert er Jains, innere Konflikte; dazu leidet der Rapport. Wer lernt, dieses
Modell Schritt für Schritt anzuwenden, lernt auf 5 verschiedenen Logischen
Ebenen:

SINN
... und erlebt
- unabhängig vom Inhalt -
eine tiefe menschliche Begegnung.
5-------------------------------------------------------------------
I D E N T I T Ä T
... ist beim Handeln nicht mehr allein
4---------------------------------------------------------------------------------------
W E R T E
... macht sich echte Überzeugungsarbeit wichtiger als
den Beweis seiner Argumentationskünste
3-------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Ü B E R Z E U G U N G E N
... glaubt immer mehr daran, daß alle Beteiligten gewinnen können
2-------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

F Ä H I G K E I T E N
Man lernt dialektisches Denken ...


Die Trainer-Fähigkeiten, die man beispielsweise zur Durchführung der
komplexen Ja-aber-Übung braucht, lassen sich in einem Buch nicht vermitteln.
Da bei dieser Übung zudem auf der Identitätsebene gearbeitet wird, kann sie
nur von einem NLP-Master-Practitioner durchgeführt werden. Er hat, nach
gründlicher Ausbildung, die Fähigkeit der vielschichtigen Wahrnehmung, die
man braucht, um intervenieren zu können, ohne die Teilnehmer therapieren zu
müssen. Selbst von NLP-Practitionern darf diese Übung in ihrer Tiefenwirkung
keinesfalls unterschätzt werden. Wie bereits angedeutet, wird die Identitätsebene
indirekt eingebracht, wenn man mit den Metaphern anfängt von Landkarte usf.
Damit wird das In-der-Welt-Sein, das Grundbeziehungsverhältnis, auf dieser
hohen logischen Ebene aktiviert. Ohne diese Metaphern, die dieses Verständnis
bewußt machen und am Weltbild wackeln können, läßt sich die Ja-aber-Übung
jedoch nicht durchführen.

Auch bei den Übungen für Kritik und Jain muß sich ein Kommunikationstrainer
sehr sicher sein, denn dabei werden die aktuellen Beziehungen, die die Leute
mitgebracht haben, aktiviert.

Statt sich also gleich am Anfang diese Konfliktübungen anzutun, schlagen wir
vor, daß Sie in der Gesprächsrhetorik mit Spiegeln anfangen, also mit den Teilneh-
mern üben, wie sie verbal und nonverbal behutsam in die Welt des anderen gehen,
seine Stimme übernehmen, Rapport üben im Sinne von aktivem Zuhören, Schlüssel-
wörter verwenden usf. - also Übungen, die Sie wenn Sie NLP-Practitioner sind,
von Ihrem ersten Wochenende her kennen. Wenn Sie noch nicht NLP-infiziert sind,
können Sie diese NLP-Grundlagen, die ersten Schritte, sich aus Büchern holen und
dann im Alltag anwenden.

Wenn Sie die folgenden Modelle in ihrer Gesamtheit für sich lernen und später
weitergeben möchten, können Sie die Muster im Alltag schrittweise lernen, oder
sich in einem Seminar aneignen.

_____Für Selbstanwender: "Ja, aber ..." im Alltag
Da die inneren Widerstände auf den eben genannten fünf Ebenen
(Fähigkeiten, Überzeugungen ...) stark sein können, ist es erforderlich,
daß Sie dieses Muster schrittweise lernen.

Identifizieren Sie um sich herum Ja-aber-Schleifen, und gehen Sie dann
spielerisch mit dem Muster um; vorsichtshalber bei Gesprächen mit
Menschen, auf die Sie nur vorübergehend treffen.

Identifizieren Sie Ihre eigenen Ja-aber-Schleifen
, und machen dann
weiter im alten Muster - jedoch mit der Fremdwahrnehmung: wie reagiert
der andere? Hält er die Luft an? Nimmt er in irgendeiner Form Abstand?

Geben Sie dem anderen recht, wenn Sie Bedenken haben, daß Ihnen keine
Brücke einfallen wird - und warten Sie, bis der andere mit einer Brücke
kommt. In dieser Entspannung werden Sie lernen, für jeden Menschen
und für jedes Argument eine Brücke zu finden.

Führen Sie solange Argumente für den anderen an, bis Ihnen eine
Und-gerade-deshalb-Brücke einfällt.

Gerade bei der Ja-aber-Übung macht es einen großen Unterschied, ob man sie für
sich selbst macht, in einem Seminar theoretisch weitergibt oder als Gesamtübung
durchführt. Wenn man sie in Kursen ohne der Fähigkeit der vielschichtigen
Wahrnehmung macht, läuft man Gefahr, sich dicke Konflikte zu schaffen. Man
sollte sich klar sein, daß man interne Prozesse wahrnehmen können muß, so daß
man problematische Kursteilnehmer hypnotisch oder durch Ankern zum Erfolg
führen kann. Oftmals geht das so weit, daß man die Übung nicht mal als Hülse
(Blabla ohne Inhalt) bringen kann. Bringt nämlich einer seinen Appell, "ich finde ...",
und sagt der andere nur "Ja, aber ... blabla", kann man zwar sagen, stimmt, und
die Stimme senken - doch oft bleibt die Stimme oben; und beginnt zu kämpfen,
weil dieses Identitäts-Lebensgefühl so stark geankert ist. Dieses Gefühl wandelt
sich folglich nicht, wenn man die Übung nur als Hülse macht. Es wandelt sich
nur dann, wenn man sich erstmal auf den Stuhl des anderen setzt, innerlich eine
neue Referenz in Erfahrung bringt, und diese dann in der Hülse als neue Möglich-
keit anbietet. Das alles aber ist therapeutisch und braucht absolute Masterfähigkeiten.

Falls Sie NLP-Master-Practitioner sind und Ihre Teilnehmer untereinander nur üben
lassen wollen, sollte das ein Seminar sein, wo der Vertrag besteht, daß man einzel-
nen Teilnehmern Hilfestellung gibt. Sollten Sie dagegen diese Übung in einem reinen
Rhetorik-Seminar voll durchziehen wollen, empfehlen wir, es nur auf der Bühne zu
tun, wo Sie den Prozeß kontrollieren können.

Was demnach nicht geht, ist, die Ja-aber-Übung einfach auszuprobieren und schauen,
was wird. Man kann die Gruppe verlieren, nachdem man in allen anderen Übungen
eine gute Stimmung gemacht hat. Alle schiefgelaufenen Situationen innerhalb der
klassischen Rhetorik kann man wieder gutmachen, wenn man den Teilnehmer im
nächsten Anlauf zum Erfolg führt.

Insgesamt jedoch ist die Ja-aber-.Übung so stark wirksam, daß nach langfristiger
Prüfung auf die Frage, was vom Kurs hängen geblieben ist, geantwortet wird:
die Ja-aber-Übung.